Juli 2017
08.07.2017 -
29.07.2017
2017 / 201707 / Ausstellung
Studium, nicht Kritik
Lucie Kolb
 

Wednesday, 15.02.2017
19:00h

 

2017 / 201702 / Diskussion
L’économie politique de l’atelier d’artiste
Eine Podiumsdiskussion mit Tonjaschja Adler, Delphine Chapuis Schmitz, Vreni Spieser, und Nina von Meiss und Christina Pfander von Mickry3 im Gespräch mit den Kuratorinnen Nadja Baldini, Dimitrina Sevova und Tanja Trampe.

Tonjaschja Adler, Nadja Baldini, Delphine Chapuis Schmitz, Mickry3, Dimitrina Sevova, Vreni Spieser, Tanja Trampe
 


Images, left: Tonjaschja Adler; right: Delphine Chapuis Schmitz.


18:30h doors open
19:00h panel discussion

Die Podiumsdiskussion findet auf Deutsch und Englisch statt.
The panel discussion will be held in German and in English.


[English below]

Tonjaschja Adler, Delphine Chapuis Schmitz, Vreni Spieser, und Nina von Meiss und Christina Pfander von Mickry3 im Gespräch mit den Kuratorinnen Nadja Baldini, Dimitrina Sevova und Tanja Trampe. Danach Plenumsdiskussion mit dem Publikum. Und Suppe und Bar.
Die Podiumsdiskussion reflektiert kritisch aus den unterschiedlichen Perspektiven der geladenen Künstlerinnen, wie künstlerische Arbeit heute unter Post-Studio-Bedingungen geleistet wird, inwieweit die Präkarität und Präkarisierung, die den jetzigen wirtschaftlichen Bedingungen und den finanziellen Strukturen innewohnen, die innerhalb der Kultursphäre operieren, die Kunstproduktion, das Arbeitsumfeld der Künstlerin und ihre Lebenssituation prägen.
Das Augenmerk liegt auf der Beziehung zwischen Studio, künstlerischer Arbeit, Herstellung von Kunst, ästhetische Praktiken und deren wirtschaftliche Bedingungen. Das Studio mag ein Raum mit einer gewissen Autonomie sein. Die Podiumsdiskussion stellt die Frage, auf welche Weise die Produktivität in der Kunst heute abhängt von der Beziehung zwischen der Freiheit der Künstlerin und den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der Kunstproduktion. Das Studio ist Teil des produktiven Flusses von Beziehungen, Orten, Architektur, Materialien, Techniken und Infrastruktur. Gleichzeitig ist es in der Grammatik der Autonomie, der Ästhetik und Politik. Es gibt viele mögliche Orte und Nichtorte des Studios, und doch findet es sich in zwei hauptsächlichen Umlaufbahnen, als unabhängiger Raum der Einsamkeit, in dem das Kunstwerk produziert wird, und als offenere Vorstellung des Studios, wo das Kunstwerk von der Arbeitskraft der Künstlerin geleistet wird.
Welches ist die Rolle des Studios im städtischen Gewebe, und wir wird seine Unterstützung geplant? Welches ist die Rolle der selbstorganisierten Studios auf der wirtschaftlichen Landkarte, und wie ist die Herstellung von Kunst im Studio heute organisiert?
Wie wirkt sich Kulturpolitik und staatliche Finanzhilfe für Studio aus und formt die Kunstproduktion, wie auch das Leben und die Existenz der Künstlerin? Selbst unter Post-Studio-Bedingungen markiert der Arbeitsraum der Künstlerin eine Zone der Autonomie, wo sich ein ‚nicht-sanktionierender‘ Kontext von Kunstpraktiken und ‚ungezähmten‘ Beziehungen abspielen können. Wie, kann ebenso gefragt werden, kann Gesellschaftlichkeit als erweitertes oder versprengtes Studio betrachtet werden? Wie kann das Studio kooperative Formen und selbstorganisierte Strukturen innerhalb des städtischen Gefüges und der Kunstpraktiken, künstlerische Arbeit, Herstellung von Kunst herbeiführen und gleichzeitig pulsierende Formen des Lebens organisieren?
Welchen Pfad der kritischen Befragung und welche Art von Methodologie lässt sich in einer Recherche über die (Post-) Studio-Bedingungen anwenden, um Phänomene der Destabilisierung des Studios, der Mobilität und immateriellen Produktion zu reflektieren? Und doch kennzeichnet und signifiziert das Studio nach wie vor einen Raum, in dem künstlerische Arbeit geleistet wird, und die Formen der Organisierung des Arbeitsprozesses der Kunstproduktion. Es bleibt verhältnismässig im Schatten des Privatraums und der Schattenwirtschaft, im Gegensatz zum Museum, zum Kunstraum und der Kunst, die sich im öffentlichen Umfeld abspielt.
Wie können Künstlerinnen ihr Arbeitsumfeld aufrechterhalten, gestützt auf ein Einkommen aus ihrer künstlerischen Arbeit und der Herstellung von Kunst? Oftmals bewohnen sie das Studio lediglich im Zeitraum zwischen mehreren anderen Jobs, während das Studio transformiert und an die Multitasking-Anforderungen projektorientierter Arbeit, Digitalisierung und Internet angepasst wird. Der produktive Prozess ist zwischen zwei Eingaben für Stipendien automatisiert in einer Vielfalt von Kommandos über E-Mail und weitgehend auf Google-Suche abgestützter Recherchearbeit. Künstlerin zu sein ist ein Alltagsjob professioneller Beschäftigung, und gleichzeitig auch eine Form des Lebens, die in eine neue Gesellschaftlichkeit versprengt werden kann. Hito Steyerl beschreibt die instrumentelle Präkarisierung im dritten Stadium der institutionellen Kritik, die lediglich zur „Integration“ der künstlerischen Arbeit sowie der Arbeits- und Lebensbedingungen „in die Präkarität“ führt.“ „Was darin verborgen bleibt – eine neue ‚verborgne Stätte‘ – die praktizierende Künstlerin bleibt ausserhalb der Anstellung.“ Desgleichen ist die Kunstproduktion heutzutage an digitale Produktionsflüsse angeschlossen, automatisiert und hochgradig professionalisiert durch die beschleunigte Konkurrenz im globalen Massstab, welche die Möglichkeiten für kollektive, gemeinschaftliche Formen der Kunst, der Arbeit und des Lebens.
Künstlerinnen streben oft und offen danach, in der Stadt billige und grosse Orte zum Arbeiten zu erschliessen. Der Kampf um freien Raum und mehr Räume in der Stadt, wie in Zürich und anderen Städten in den 1980ern, bringt das Studio dazu, im Widerstand gegen Gentrifizierungsprozesse nachzuhallen, der bisweilen gar in der Besetzung von Gebäuden endete. Wie kann es neue Formen des Widerstands eröffnen, und inwieweit sind Künstlerinnen und kulturelle Arbeiterinnen heute imstande, eine revolutionäre Kraft und politische Subjektivität zu leisten, während sich die das Wesen der Arbeit verändert? Wie können sie in diesem sozialen Wandel zurückfordern und verhandeln? Lacans Aussage „Ich habe Freuds Energetik durch die politische Ökonomie ersetzt“ geht einen Schritt weiter und konfrontiert die Psychoanalyse offen mit der ‚immanenten‘ Kritik der liberalen kapitalistischen Gesellschaft. Psychoanalytischen Praktiken folgend, schliesst das Projekt Part I: Critique de l’économie politique de l’atelier d’artiste eine ‚immanente‘ Kritik der polit-ökonomischen Beziehungen in der Produktion von Kunst ein, um die jetzigen Verhältnisse der künstlerischen Arbeit und Kunst-Herstellung-Leben sozialen Beziehungen in Bezug auf Bewegungen und Vektoren zu reflektieren und zu analysieren.
Welche Auswirkung hat das offene Studio als Form der Aktivierung und Mobilisierung von Publiken und andere Art, Kunst zu organisieren? Wie reflektiert das Format des offenen Studios die jetzige Tendenz des internationalen Kunstaustauschs, von Residenzen angetrieben zu werden? Wie wirkt es sich auf den Produktionsprozess aus (Arbeitsbedingungen und arbeitswirtschaftliche Bedingungen)? Wie stellt das Studio ‚andere‘ experimentelle Formen des Ausstellungsmachen zur Schau, die sich in ihm entfalten können?

Ausgewählte und überarbeitete Auszüge aus dem Text von Dimitrina Sevova für die Ausstellung Theorem 4. Aesthetic Agency and the Practices of Autonomy. Part I: Critique de l’économie politique de l’atelier d'artiste, in Zusammenarbeit mit Alan Roth

Druckfähige Fassung (PDF 98KB)

Diese Podiumsdiskussion ist Teil des Ausstellungsprojekts Theorem 4. Aesthetic Agency and the Practices of Autonomy. Part I: Critique de l’économie politique de l’atelier d’artiste.



[Deutsch oben]

Tonjaschja Adler, Delphine Chapuis Schmitz, Vreni Spieser, and Nina von Meiss and Christina Pfander of Mickry3 in conversation with the curators Nadja Baldini, Dimitrina Sevova and Tanja Trampe. Followed by a plenary discussion with the audience. And soup and bar.
The panel discussion critically reflects from the various perspectives of the invited artists how the artist’s labor is performed today under post studio conditions, to what extent the precarity and precarization inherent in the current economic conditions and the financial structures that operate within the cultural sphere signify the art production, the artist’s working environment and living situation.
The focal point is on the relation between the studio, artists’ labor, art-work, aesthetic practices and their economic conditions. The studio might be a space with a certain degree of autonomy. The panel discussion asks how productivity in art depends today on the relation between the artist’s liberty and the economic and social conditions of art production. The studio is part of the productive flow of relations, subjectivities, institutions, places, architecture, materials, techniques, and infrastructures. At the same time it is in the grammar of autonomy, aesthetics and politics. There are many possible places and non-places of the studio, but it can still be found in two main orbits, as an independent space of solitude where the artwork is produced, and a more open idea of the studio, where the artwork is performed by artist-labor.
What is the role of the studio in the urban fabric and how is its public support planned? What is the role of self-organized studios on the economic map, and how is art-work organized in the studio today?
How do cultural policy and state financial support to the studios impact and shape the production of art, and the lives and existence of the artist, too? Even under post studio conditions, the artist’s working space marks a zone of autonomy, where a ‘non-sanction’ context of art practices and ‘unruly’ relations can take place. At the same time, how can sociality be seen as an expanded or scattered studio? How can the studio induce cooperative forms and self-organized structures within the urban tissue and art practices, art labor, art-work and at the same time organize vibrant forms of life.
What path of critical inquiry and what kind of methodology can be applied in a research about the (post) studio conditions, to reflect on the phenomena of unsettling the studio, mobility, and immaterial production? At the same time, the studio still designates and signifies a space where art labor is performed, and the forms of organization of the working process of the art production. It stays relatively in the shadow of the private space and the hidden economy, unlike the museum, the art space or art taking place in the public environment.
How can artists sustain their working environment relying on income from their artistic labor and art-work? Often, they inhabit the studio mostly for a time in-between several other jobs, while the studio is transformed and adapted to multitasked functions driven by project-oriented work, digitalization and internet. The productive process is automated between two applications for grants, in a diversity of institutional commands by e-mail and research work based largely on Google searches. Being an artist is a day-to-day job of professional occupation, and at the same time a form of life that can scatter into a new sociality. Hito Steyerl describes the instrumental precarization in the third stage of institutional critique that leads merely to “integration into precarity” of artist labor and working and living conditions. “What remains hidden in this – a new ‘hidden abode,’ the practicing artist remains outside of the employment.” At the same time, nowadays the art production process has been connected to digital productive flows, automated and highly professionalized by accelerated competition on a global scale that disempowers the possibilities for collective, community forms of art, work and life.
Artists often and openly strive to gain cheap and large places in the city for working. The struggle for free space and more space in the city, as in Zurich and other cities in the 1980s, makes the studio issue resonate within the resistance against gentrification processes, that has sometimes ended up even in the occupation of buildings. How can it open new forms of resistance, and to what extent are artists and cultural workers today able to perform a revolutionary force and political subjectivity when the nature of work is changing? How can they re-claim and negotiate in these social changes? Lacan’s statement “I replaced Freud’s energetics with political economy” goes one step further and openly engages psychoanalysis with the ‘immanent’ critique of liberal capitalist society. Following psychoanalytic practices, the project Part I: Critique de l’économie politique de l’atelier d’artiste incorporates an ‘immanent’ critique of the politico-economic relations in the production of art to reflect and analyze the current conditions of artist-labor and art-work-life social relations in terms of movements and vectors.
What is the impact of the open studio, as a form of activating and mobilizing audiences and a different way of organizing art? How does the format of the open studio reflect the current tendency of international art exchange to be residency driven? How does it impact the process of production (working conditions and labor economic conditions)? How does the studio dis-play ‘other’ experimental forms of exhibition making that can unfold in the studio?

Selected and reworked excerpts from the text by Dimitrina Sevova for the exhibition Theorem 4. Aesthetic Agency and the Practices of Autonomy. Part 1: Critique de l’économie politique de l’atelier d'artiste, in collaboration with Alan Roth

Printable version (PDF 94KB)

The panel discussion is part of the exhibition project Theorem 4. Aesthetic Agency and the Practices of Autonomy. Part 1: Critique de l’économie politique de l’atelier d'artiste.



Tonjaschja Adler




These aus „ein Essay über die Abstraktionsebene der Kategorie Arbeit“ 2015, Tonjaschja Adler

ARBEIT=KUNST=ARBEIT

Was kann ich unaufgefordert tun?
Wohin nehme ich mein Atelier mit?

Als Künstlerin befinde ich mich auf der „Abstraktionsebene“ der Kategorie Arbeit. Arbeit kann nicht ohne Gesellschaft gedacht werden. Der Begriff der Arbeit wird also von der Gesellschaft in der ich lebe definiert. Heisst das, dass die Schwerpunkte auf die alle wir, die in dieser Gesellschaft leben oder die sich in einer Gruppe dieser Gesellschaft in der man sozialisiert wird und sich befindet, definiert was Arbeit ist ? Worin besteht ihr Wert?
Für fast jede Arbeit gibt es ein Taxierungssystem, auf das man sich mal einigen konnte, aber das durchaus immer wieder zur Diskussion steht. Für die Arbeit der Künstlerin, des Künstlers? Auch.



Delphine Chapuis Schmitz




une terrasse de café, a bookstore a library, the street die Welt, a room of one's own, a place where to be and think freely and do nothing - nothing you have to.
a place where to retreat, the possibility of (if only)
atelier: the whole world, a playground


Vreni Spieser

Why should artists, who are in general earning very little money, pay two rents per month?
It’s kind of ridiculous.

I can’t focus and concentrate in a shared studio, I have to be on my own.
But:
Dialogues or having a counterpart is very important in my working process. It’s contradictory.

I don’t like people saying “Oh, it’s so inspiring to visit you in your studio”.

Since I am working at home, I am kind of isolated.

I am thinking about renting a studio again, but I’m afraid it will cut my flexibility and ability to travel.



Nina von Meiss and Christina Pfander / Mickry3

Mickry 3 was founded in 1998 by Christina Pfander, Dominique Vigne and Nina von Meiss in Zurich, right after they finished their studies in fine arts at F+F School for Art and Media Design.
Their collaboration began with “M3 Supermarkt”. Arranged as an installation with over 1’000 self-made unique objects, the palette ranged from happiness pills to human organs to a female orgasm, all wrapped in cellophane and available at bargain prices. The motto was to produce inexpensive art for everybody while at the same time undermining the functioning of the art business. Somehow this subverting procedure became a slogan of the trio.
Their works often relate to art history and copying, interpreting and re-interpretation is an ever-recurring aspect of their work, which has continued to develop strongly over the years. But what runs through the whole body of work created by Mickry 3 is a sense of humour and a critical but never moralistic attitude towards society.
In 2006 the trio – who works exclusively in the collective – joined the Association of Swiss Sculptors AZB and moved to their conglomerate of workshops and exterior working spaces in the peripheral area of former gasworks in Schlieren. The association, founded in 1983 by a group of sculptors, among which artist Heinz Niederer, settled there in 1984. AZB functions as a self-sustaining association, the protected gasworks area, located on a property of the City of Schlieren, is in possession of the City of Zurich. This overall environment has influenced in many ways the artistic practice of Mickry 3. Beside others, questions towards a “Critique de l’économie politique de l’atelier d’artiste” include to what extent such a structure, setting and environment can influence the artistic and political self-conception. Not least because the area seems to be an ideal place not only to work – but to spend time.

Posted by Corner College Collective